Cover - Eine Frage der Zeit

Special zum Buch

Eine Frage der Zeit

Säbelrasseln am Tanganikasee

Rezension von Henrik Flor

Es ist ein absolut irrwitziger Plan, aber er basiert auf historischen Tatsachen: Im Jahr 1913 ordert das Reichskolonialamt bei der Meyer-Werft im niedersächsischen Papenburg ein Kriegsschiff. Die „Götzen" wird unmittelbar nach dem Stapellauf wieder in ihre Einzelteile zerlegt und – in 5.000 Kisten verpackt – nach Deutsch-Ostafrika verschickt, um auf dem Tanganikasee zum Einsatz zu kommen. Das Deutsche Reich will damit seinen kolonialen Anspruch durchsetzen und die Expansionspläne Belgiens durchkreuzen.

In geheimem Auftrag machen sich drei wackere Papenburger Werftarbeiter, angeführt vom Schiffbauer Anton Rüter, auf die Reise. Über Hamburg geht es mit dem Schiff nach Daressalam, von dort aus mit dem Zug nach Kigoma, dem einzigen Hafen am Tanganikasee. Hier sollen die bodenständigen Emsländer deutsche Großmachtträume Wirklichkeit werden lassen. Das Unternehmen ist „eine Frage der Zeit“, da der befehlshabende Leutnant von Zimmer Angst hat, der Krieg könnte vorbei sein, ohne dass er sich für Kaiser und Vaterland verdient gemacht hätte.

Die Werftarbeiter erleben ein Ostafrika, das mit exotischem Zauber wenig zu tun hat. Die Kolonialherren residieren in blütenweißen Villen, die von Schwarzen in Ketten gepflegt werden. Der Gouverneur, der sich einst als Humanist bezeichnete, liefert eine charakteristische Beschreibung moralischer Konflikte und ihrer trivialen Auflösung: „Das Einzige, was ich den Schwarzen wirklich übel nehme: Dass sie einen zwingen, Dinge zu tun, die ich selbst für böse halte.“

 

Mit dem Schiff quer durch Afrika

Gleichzeitig hat das britische Königreich nicht weniger bizarre Kriegspläne. Es will zwei kriegstaugliche Schiffe zuerst mit dem Zug quer durch Afrika und dann noch 166 Meilen „durch den Busch“ bis zum Tanganikasee transportieren lassen, um dort einen deutschen Dampfer zu versenken. Die geheime Mission erhält zusätzliche Brisanz durch die Rekrutierung von Leutnant Geoffrey Spicer Simson als Kommandeur. Er hatte sich schon in China, Gambia und auf der Themse für die Marine seiner Majestät verdient machen wollen – und sich und seine Kameraden jedes Mal ins Unglück gestürzt. Er ist eine schillernde Figur, eitel und chaotisch, narzisstisch und voll kindlichen Tatendrangs, dessen Vorbereitungen vor allem in der Bevorratung mit Fantasie-Uniformen und Sherry bestehen – weiß er doch, dass „sich die großen Dramen der Weltgeschichte manchmal zu überraschenden Zeitpunkten an den unerwartetsten Orten abspielen.“ Beide Missionen steuern auf das unvermeidliche Finale zu …

 

Gescheiterte Sieger

Alex Capus ist nicht dafür bekannt, dass er klassische Heldenepen verfasst. Seine Protagonisten sind tragische Gestalten, die er schonungslos der Spannung von Erfolg und Niederlage aussetzt. Wenn die ganze Kompanie ihre Siege feiert, bleiben die eigentlichen Hauptpersonen in sich versunken, erleben den Augenblick des Triumphs mit Schuldgefühlen und Scham, verzweifeln schier an ihrem bloßen Menschsein. So erkennt Anton Rüter nach dem groß gefeierten Versenken eines unbedeutenden Schiffes: „... plötzlich war er nicht mehr Schiffbauer, sondern Soldat. ... es gab kein Hindernis mehr für das Blutbad, das ohne ihn nicht hätte stattfinden können.“ Unvermeidlich sind die Parallelen zu Joseph Conrads „Das Herz der Finsternis“, dessen Held sich auf einer ähnlich grotesken Expedition auf dem Nil immer tiefer in den schwarzen Kontinent bewegt und statt berauschender Exotik existenzielle Krisen durchlebt. Capus gelingt es, Conrad zu zitieren, sich auf ihn zu beziehen, und dennoch sein ganz eigenes Epos über Erfolg und Niederlage zu entwerfen.

 

Ein Afrika-Roman steht und fällt mit der Kunst des Beschreibens, der genauen Beobachtung und der Lust am Fabulieren. Genau darin liegen die Stärken von Alex Capus, der das lakonische Erzählen ebenso beherrscht wie die große Sprachgewalt – und beides zu dosieren weiß. Hier wird keine schwülstige Exotik versprüht. Vielmehr kreiert der Autor ein vielschichtiges und faszinierendes Wechselspiel von Sehnsüchten, Dramen und leiser Komik.

Und schließlich wird der Leser ungläubig hören, dass die „Götzen“ noch immer auf dem Tanganikasee als Passagierdampfer Dienst tut. Heute unter dem Namen „MS Liemba“.

 

Henrik Flor
(Literaturtest)
Berlin, Mai 2007

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